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Was war der erste Film mit queerer Handlung?

Frau trifft Mann. Doch Frau und Mann können sich nicht ausstehen. Im Laufe des Films kommen sie sich jedoch näher und verlieben sich letzten Endes ineinander. Dieses Szenario kennen wir alle bestimmt aus zahlreichen Romanzen. Doch im kürzlich erschienen Film „Rot, Weiß und Königlich Blau“ trifft nicht eine Frau einen Mann, sondern ein Mann trifft einen Mann. Dazu kommt, dass die beiden Protagonisten nicht irgendwer sind. Nein, sie sind jeweils die Söhne der mächtigsten Personen ihres Landes: Alex, der Sohn der Präsidentin der Vereinigten Staaten und der britische Prinz Henry.

 

Das sorgt für Konfliktpotenzial, eine Menge Geheimnisse und Skandale – und das nur, weil sich die beiden Männer lieben? Leben wir noch immer in einer Gesellschaft, in der Homosexualität, trans sein, sich keinem Geschlecht angehörig zu fühlen und vieles mehr nicht allgemein akzeptiert wird? Ja, leider. Doch Bücher, Serien und Filme, in denen genau diese Menschen repräsentiert, mangelnde Akzeptanz problematisiert und zum Beispiel gleichgeschlechtliche Liebe normalisiert werden, tragen im Idealfall zu einer toleranteren Gesellschaft bei. Doch seit wann erzählen Filme die Geschichten von Menschen aus der LGBTQIA+-Community? 

Wenn man Anders als die Anderen ist

Noch sehr lange existierte der Paragraf 175 StGB, der homosexuelle Handlungen verbot. Zwar wurde das Gesetz zunächst 1969 und dann erneut 1973 entschärft, doch vollständig abgeschafft wurde der Paragraf erst im Jahr 1994. Mehr als 100.000 Männer wurden nach Paragraf 175 verurteilt. Erst im Jahr 2017 hob der Bundestag die Verurteilungen auf und rehabilitierte die Betroffenen.

 

Filme über Homosexualität scheinen in dieser Zeit kein leichtes Unterfangen gewesen zu sein. Ganz im Gegenteil. Doch nach dem Ersten Weltkrieg gab es kurzzeitig keine Filmzensur in Deutschland. Diese Gelegenheit nutzten unter anderem Regisseur Richard Oswald und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, um den allerersten Film mit einer expliziten homosexuellen Haupthandlung zu drehen: Im Jahr 1919 erschien der Film „Anders als die Anderen“. Der Film war Erfolg und Skandal zugleich. Während der Filmaufführungen gab es Tumulte, Regisseur und Schauspieler waren Schmähungen und Drohungen ausgesetzt. Kritik, Hetze und Widerstand kamen vor allem aus dem konservativen und rechtsnationalen Lager. Letzten Endes setzten sich diese Stimmen durch: Ein Jahr später, im Jahr 1920, wurde eine Filmzensur eingeführt. 

Das Drama von Richard Oswald ist ein Stummfilm, die Emotionen und Tragik verlieren dadurch jedoch nicht an Intensität. Doch worum geht es in dem Film? An dieser Stelle eine kleine Spoiler-Warnung. Wer nicht wissen will, wie der Film ausgeht, sollte den folgenden Absatz überspringen.

 

Zu Beginn des Film lernen sich der Violinist Paul Körner und Kurt Sievers kenne. Paul unterrichtet Kurt im Geigenspiel. Doch schnell entsteht zwischen den beiden Musikern mehr als nur eine Freundschaft. Dies bemerken auch Kurts Eltern, woraufhin sie Kurt mit einer Frau zusammenbringen wollen. Ihr Vorhaben scheitert jedoch. Gleichzeitig wird auch für den Violinlehrer Paul seine Homosexualität zum Problem: Er wird von Franz Bollek, einer ehemaligen flüchtigen Bekanntschaft, erpresst. Als Paul sich weigert, den Geldforderungen von Franz nachzukommen, zeigt dieser ihn an. Paul wird verurteilt und sein Ruf ist ruiniert. Keinen Ausweg sehend, nimmt er sich das Leben. 

Noch immer gibt es Gewalt gegen die LGBTQ-Community in Deutschland

Auch heute noch werden queere Menschen oftmals nicht toleriert oder sind nicht gleichberechtigt. In mehr als 60 Ländern werden queere Menschen strafrechtlich verfolgt. Und in manchen Ländern wie Zum Beispiel Afghanistan, Saudi-Arabien oder Somalia droht ihnen sogar die Todesstrafe. Auch wenn Deutschland ein vergleichsweise sicherer Ort für Menschen der LGBTQ-Community ist, gibt es auch hier Verbesserungspotenzial: Es gibt leider nach wie vor Hassverbrechen gegen Menschen aus der queeren Community. Allein im Jahr 2022 wurden in Deutschland über 1.000 Hasstaten registriert. Tendenz steigend. Noch im Vorjahr lag die Anzahl bei etwa 870 – auch zu viele. 

Welche Filme man unbedingt gesehen haben sollte

Seit dem Film „Anders als die Anderen“ erscheinen fast jedes Jahr mehr Filme, die Menschen aus der LGBTQIA+ Community repräsentieren und deren Geschichten erzählen. Doch nur weil diese Themen öfter auf der Leinwand zu sehen sind, löst das bei Weitem nicht alle Probleme. Denn oft gehen diese Filme mit Stereotypisierungen und Storytelling Tropes einher.

 

Dennoch gibt es ein paar Filme, die man gesehen haben sollte – auch wenn diese nicht ganz frei von Stereotypisierungen sind. Im Internet finden sich verschiedene Meinungen dazu, welche Filme mit einer queeren Haupthandlung man unbedingt gesehen haben muss. Doch bei ein paar Filmen sind sich fast alle einig: 

  • Blau ist eine warme Farbe (2013)
  • Brokeback Mountain (2005)
  • Boys don’t cry (1999)
  • Moonlight (2016)
  • The Danish Girl (2015)
  • Call Me by Your Name (2017)
  • Milk (2017)
  • Pride (2014)
  • Carol (2015)

Was auffällt ist, dass die häufig empfohlenen Filme noch sehr jung sind. Jedoch gibt es auch erstklassige Filme mit queeren Handlungssträngen, die schon viel früher erschienen sind. So zum Beispiel das Musical und Kultfilm „The Rocky Horror Picture Show“ von Jim Sharman aus dem Jahr 1975. Auch ein toller Film, der oft vergessen wird: „Maurice“ mit Hugh Grant aus dem Jahr 1987. Der Film erzählt die Geschichte der zwei Freunde und Kommilitonen Maurice und Clive, die sich während ihrer Zeit in Cambridge kennen und lieben lernen. Doch die Umstände ihrer Zeit ermöglicht es ihnen nicht, ihre Liebe öffentlich auszuleben. Wer jetzt wissen will, wie die Geschichte ausgeht und ob sie gemeinsam glücklich werden, muss sich den Film wohl ansehen. Wer noch mehr Inspiration braucht, findet auf Wikipedia eine nicht ganz vollständige Liste von Filmen mit homosexuellem Inhalt

 

Übrigens: Karlsruhe wird im Oktober wieder zum Mekka für zeitgenössische Film-Positionen der LGBTQIA+-Community: Die Pride Pictures feiern dieses Jahr 30. Jubiläum und bekommen zu diesem Anlass ein neues Gesicht, das queere Vielfalt zeitgemäß repräsentiert. Vom 22. bis 29. Oktober 2023 zeigt das Queer Film Festival ein umfassendes Filmprogramm in der Kinemathek Karlsruhe, sowie ausgewählte Wiederholungen in der Schauburg.

Autorin: Ann-Sophie Linnartz

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