· 

Politische Verantwortung für den Filmstandort Deutschland

Die deutsche Filmbranche steht an einem Kipppunkt. Was lange wie eine abstrakte politische Debatte wirkte, hat in den letzten Monaten eine sehr konkrete Dimension bekommen: Projekte werden nicht mehr finanziert, Produktionsfirmen geraten in Schieflage, Beschäftigte verlieren ihre Perspektive. Wer heute als Filmschaffender arbeitet, spürt unmittelbar, wie fragil die wirtschaftliche Grundlage des Filmstandorts Deutschland geworden ist.

 

Dabei geht es nicht um einzelne Einzelfälle oder eine vorübergehende Marktdelle. Es geht um die strukturelle Frage, ob Deutschland künftig weiterhin ein Land sein will, in dem Filmproduktion nicht nur kulturell wertvoll, sondern auch wirtschaftlich realistisch möglich ist.

Ein Kurswechsel, der nicht nachvollziehbar ist

Besonders alarmierend ist vor diesem Hintergrund die politische Abkehr von einer verbindlichen Investitionspflicht für Streaminganbieter. Dieser Schritt betrifft nicht nur Förderinstrumente oder branchenspezifische Detailfragen – er berührt das Fundament, auf dem Produktionsplanung, Beschäftigung und kreative Entwicklung überhaupt möglich sind.

 

Die Investitionspflicht war nicht irgendeine spontane Idee: Sie war angekündigt, rechtlich geprüft, in Europa bewährt und Teil des Koalitionsvertrags. In mehreren Ländern existieren längst vergleichbare Modelle, um jene Anbieter, die auf nationalen Märkten hohe Umsätze erzielen, angemessen an der Finanzierung lokaler Inhalte zu beteiligen.

 

Dass dieser Weg nun zugunsten einer freiwilligen und nicht überprüfbaren Lösung verlassen werden soll, ist politisch nicht nur schwer verständlich – es ist ein Signal, das in der Branche als Warnung ankommt.

 

Filmproduktion ist kein Gewerbe, das sich kurzfristig „umstellen“ lässt. Projekte entwickeln sich über Monate und Jahre. Finanzierungspartner müssen sich auf verlässliche Rahmenbedingungen verlassen können. Wenn Zusagen unsicher werden, beginnt ein Dominoeffekt: Entwicklungsphasen werden abgebrochen, Kalkulationen kippen, Entscheidungen werden vertagt oder ganz gestrichen.

 

Genau deshalb war die Investitionspflicht so wichtig: Sie hätte Investitionen in Milliardenhöhe ausgelöst, Planungssicherheit geschaffen und tausende Arbeitsplätze stabilisiert. Sie hätte den Standort gestärkt – nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich.

 

Denn jeder Drehtag, jede Postproduktion, jedes Casting und jedes Set ist nicht nur Kunst, sondern Wertschöpfung: Jobs, Dienstleister, Technik, Transport, Hotels, Gastronomie, Ausbildung.

Freiwilligkeit ersetzt keine Regeln

Eine freiwillige Beteiligung internationaler Streamingkonzerne klingt im ersten Moment wie ein pragmatischer Kompromiss. Doch in der Praxis bleibt sie genau das, was sie ist: freiwillig.

Das bedeutet:

  • keine Verlässlichkeit

  • keine Transparenz

  • keine Kontrolle

  • keine einklagbare Verpflichtung

Und damit auch kein wirksamer Schutz für Arbeitsplätze, Produktionsstrukturen oder kulturelle Vielfalt.

Gerade in einer Branche, die ohnehin stark unter Kostendruck, globaler Konkurrenz und schwankenden Förderbedingungen steht, ist eine freiwillige Lösung nicht stabilisierend, sondern riskant.

 

Wenn eine nachweislich funktionierende und rechtlich zulässige gesetzliche Regelung aufgegeben wird, ist eine öffentliche Begründung zwingend erforderlich. Es geht nicht nur um politische Kommunikation, sondern um Verantwortung und Glaubwürdigkeit.

 

Die entscheidende Frage lautet: Wie wird politisch begründet, dass eine angekündigte, geprüfte und machbare Regelung aufgegeben wird, obwohl dadurch die Interessen deutscher Filmschaffender, Produktionsunternehmen und der Gesamtwirtschaft klar geschwächt werden?

 

Diese Frage kann nicht im Hintergrund bleiben. Sie betrifft nicht nur die Branche selbst, sondern auch das demokratische Prinzip, dass politische Entscheidungen nachvollziehbar sein müssen.

 

Besonders problematisch wirkt, dass dieser Kurswechsel offenbar nach direkten Gesprächen mit den betroffenen Unternehmen erfolgt ist – während die geschlossene Kritik nahezu aller relevanten Filmverbände und Berufsvertretungen weitgehend unbeachtet bleibt.

 

Genau hier entsteht ein Vertrauensproblem: Wenn wirtschaftlich mächtige Akteure offenbar mehr Einfluss auf politische Entscheidungen haben als die gebündelte Expertise jener, die seit Jahren in diesem System arbeiten, dann braucht es Transparenz. In einem solchen Kontext ist es notwendig, offen darzulegen:

  • wie Interessenkonflikte vermieden werden

  • nach welchen Kriterien Prioritäten gesetzt werden

  • warum freiwillige Lösungen als ausreichend betrachtet werden

Es geht um kulturelle Identität – und um Arbeit

Film ist Kultur. Aber Film ist auch Beruf. Und für viele ist es nicht irgendein Beruf, sondern eine Existenz, die auf langen Ausbildungswegen, hoher Spezialisierung und jahrelanger Berufserfahrung basiert.

 

Wenn politische Entscheidungen dazu führen, dass Produktionen wegbrechen, dann verschwinden nicht nur Projekte. Dann verschwinden Arbeitsplätze, Perspektiven und ganze Produktionsketten. Und es entsteht eine langfristige Abwanderung von Know-how – in andere Länder oder in andere Branchen. Das ist kein „Branchenthema“. Das ist Standortpolitik.

Eine Forderung an die Politik: Klarheit und Verantwortung

Von gewählten Vertreterinnen und Vertretern darf erwartet werden, dass sie politische Entscheidungen nicht nur treffen, sondern auch öffentlich vertreten. In diesem Fall bedeutet das: eine klare inhaltliche Stellungnahme zur eigenen Haltung und zum politischen Handeln.

 

Denn für viele Filmschaffende ist die Lage längst nicht mehr symbolisch. Sie ist real. Und sie betrifft die Frage, ob es in Zukunft in Deutschland noch möglich sein wird, unabhängig, professionell und nachhaltig Film zu produzieren.

 

Es geht nicht um politische Symbolik. Es geht um berufliche Zukunft.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0